Lebensart in Amsterdam

Fiets

Am liebsten bewegen sich die Amsterdamer noch immer mit ihrem «fiets», dem meist rostigen Fahrrad fort. An Sommerwochenenden tuckert man gern in kleinen Booten mit einem Glas Rosé in der Hand durch die Grachten oder sitzt mit einer Tasse Kaffee auf dem Gehsteig vor dem eigenen Haus in der Sonne. Cafés sind ein wichtiger Teil des Lebens in Amsterdam. Ob schummrige Pinten, kühle Designerbars oder kerzenbeleuchtete Kuschelhöhlen – Hauptsache, sie sind «gezellig». Hier gibt es keinen Coolness-Zwang und keine Kleidercodes. «Alles kann», alles ist erlaubt, lautet das für eine ehemals kalvinistische Stadt recht untypische Motto.

Hausboote

Mal sehen sie gepflegt aus, mal heruntergekommen; mal sind es umgebaute Lastkähne, mal schwimmende Bungalows. Die Rede ist von 2400 Wohnbooten, die vor allem auf Singel und Prinsengracht dümpeln. In den 50er Jahren kamen zuerst Studenten auf die Idee, das ausgemusterte Schiffe hervorragende Wohnungen abgeben. Heutzutage werden Hausboote vor allem von Liebhabern und Exzentrikern bewohnt. Die Stadt hat die treibenden Häuser jedoch nur widerwillig hingenommen. Inzwischen ist es beinahe unmöglich geworden, einen Liegeplatz für ein neues Hausboot zu bekommen.

Blumen

Wer in Holland zu einer Geburtstagsfeier oder einem Essen eingeladen wird, erscheint nie ohne einen Blumenstrauss. Schon seit Jahrhunderten gehören Schnittblumen, vor allem natürlich Tulpen, zur niederländischen Kultur und sind ein bedeutender Wirtschaftszweig. Jeden Tag werden Blumen im Wert von 12,5 Millionen Euro exportiert. Im Schnitt gibt jeder Holländer 80 Euro im Jahr für Blumen aus. Angesichts der niedrigen Preise für Blumensträusse ist das eine ganze Menge. Um die grosse Nachfrage zu befriedigen, gibt es in Amsterdam überall kleine Blumenstände, die oft auch sonntags geöffnet sind.

Multikulti

Im Regal stehen thailändische neben surinamischen Lebensmitteln, an der Theke gibt es indisches Gebäck, aus der Stereoanlage schallt Salsamusik und die Kundschaft stammt aus aller Welt. Nirgends ist Amsterdam multikultureller als in den Tokos, den exotischen Lebensmittelläden. Auch sonst fällt auf, wie bunt gemischt die Bevölkerung ist. 37% der Amsterdamer sind nicht in den Niederlanden geboren. Ein Grossteil der Ausländer stammt aus Marokko und der Türkei, aber auch Einwohner der ehemaligen Kolonien also aus Indonesien, Surinam und von den Antillen, sind zahlreich vertreten. Spätestens seit 2004 der Filmemacher Theo van Gogh von einem Islamisten ermordet wurde, ist das friedliche Zusammenleben jedoch bedroht. Es kommt zunehmend Kritik an der schlechten Integration und den hohen Arbeitslosenzahlen unter Immigranten auf.

Coffeeshops

Die Niederlande sind weltweit das einzige Land, in dem der öffentliche Verkauf von bis zu 5 Gramm Cannabis toleriert wird. Illegal ist der Handel dennoch, er bleibt nur ohne Strafverfolgung – ein Widerspruch, der unter dem Begriff «gedogen», Duldung, bekannt ist. Man will mit dieser Drogenpolitik eine Trennung der Märkte für weiche und harte Drogen bewirken. In Amsterdam kann man in etwa 100 Coffeeshops Softdrugs erstehen und konsumieren. Auf der Menükarte der meist intensiv duftenden Etablissements finden sich darüber hinaus Fruchtsäfte und Shakes aber kein Bier oder Schnaps – für den Ausschank von Alkohol bedarf es einer anderen Lizenz.

Patatjes

Seit Jahrhunderten streiten sich Holländer und Belgier darum, wer die Pommes Frites erfunden hat. In Amsterdam findet man an jeder Ecke einen Stand, der Patatjes in Papiertüten verkauft. Dazu bevorzugen die Einheimischen Mayonnaise oder Satésauce, eine pikante indonesische Erdnusscreme.

Toleranz

Wenn die Amsterdamer für einen Charakterzug berühmt sind, dann für ihre Toleranz. «Leben und leben lassen» ist das Motto, das sich auf Subkulturen und Randgruppen erstreckt und die Duldung von Drogenkonsum, Abtreibung und Sterbehilfe mit einschliesst. Angesichts der Integrationsprobleme von Ausländern wird in der öffentlichen Diskussion jedoch in letzter Zeit häufig die Ansicht vertreten, dass die vielgepriesene Toleranz manchmal nur eine Wegsehtaktik sei.